Viele junge Mütter kommen heute mit einem enormen Anspruch an sich selbst in die Elternschaft. Sie wollen alles richtig machen, liebevoll begleiten, feinfühlig reagieren, präsent sein. Bedürfnisorientiert eben. Doch irgendwo auf diesem Weg passiert etwas Tragisches: Aus „bedürfnisorientiert“ wird „selbstvergessen“. Und aus „ich möchte meinem Kind Liebe und Sicherheit geben“ wird „ich darf selbst keine Bedürfnisse mehr haben“.
Ich erlebe immer wieder Mütter, die sich aufopfern, bis sie kaum noch stehen können – und sich trotzdem unzulänglich fühlen. Nicht, weil sie etwas falsch machen, sondern weil sie glauben, sie müssten noch mehr leisten. Noch geduldiger sein. Noch präsenter. Noch perfekter. Und weil sie gleichzeitig von außen mit widersprüchlichen Ratschlägen, Idealen und Erwartungen bombardiert werden.
Das Ergebnis: Erschöpfung, Selbstzweifel und das Gefühl, als Mutter zu versagen – obwohl sie in Wahrheit längst über ihre Grenzen gehen.
Bedürfnisorientierung bedeutet nicht Selbstaufgabe
Der ursprüngliche Gedanke der Bedürfnisorientierung war nie, dass Mütter sich selbst ausradieren sollen. Im Gegenteil: Kinder brauchen emotional stabile, zugewandte Erwachsene. Und Stabilität entsteht nicht durch Selbstverleugnung, sondern durch Balance.
Eine Mutter, die sich selbst nie Ruhe gönnt, die ihre Partnerschaft vernachlässigt, die ständig über ihre Grenzen geht, lebt ihrem Kind nicht vor, wie gesunde Beziehungen funktionieren. Sie lebt vor, dass Liebe bedeutet, sich selbst zu verlieren. Und das ist eine Last, die kein Kind tragen sollte.
Eine Klientin hat es kürzlich wunderbar auf den Punkt gebracht, als sie sagte:
„Stimmt, wir sind drei in dieser Familie, und es soll uns allen gutgehen.“
Genau darum geht es.
Auch Väter stehen unter Druck – nur anders
In vielen Familien fühlen sich Väter heute wie Randfiguren. Nicht, weil sie sich nicht kümmern wollen, sondern weil sie oft das Gefühl haben, keinen Platz zu finden. Manche berichten, sie würden nur noch als „Versorger“ wahrgenommen. Andere trauen sich kaum, eigene Bedürfnisse zu äußern, weil sie sehen, wie erschöpft ihre Partnerin ist.
Ein Satz, der mir dazu immer wieder begegnet:
„Väter wollen dazugehören, nicht nur funktionieren.“
Auch sie sind Teil der Familie. Auch sie brauchen Nähe, Wertschätzung, Beteiligung. Und auch sie leiden, wenn die Partnerschaft im Strudel der Überforderung untergeht.
Eine Familie ist ein System – und jedes System braucht Gleichgewicht
Wenn es einem Teil schlecht geht, leidet das Ganze. Wenn ein Teil gestärkt wird, profitieren alle.
Das bedeutet:
- Eine Mutter, die sich Pausen zugesteht, ist präsenter und liebevoller.
- Ein Vater, der sich eingebunden fühlt, übernimmt Verantwortung mit Freude.
- Ein Kind, das zwei stabile Eltern erlebt, fühlt sich sicherer.
Bedürfnisorientierung heißt nicht: „Das Kind zuerst, immer und überall.“
Es heißt: „Wir achten aufeinander.“
Aus meiner Perspektive – ein paar Leitsätze für ein entspannteres Familienleben:
Du bist nicht egoistisch, wenn du auf dich achtest. Du bist ein Vorbild.
Niemand kennt dein Kind so gut wie du. Ihr dürft zusammen euren eigenen Weg finden.
Ihr als Familie seid ein Team. Und Teams gewinnen gemeinsam.
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte.
Ein Schlussgedanke
Elternschaft ist kein Wettbewerb in Selbstaufgabe. Sie ist ein gemeinsamer Weg, auf dem alle Beteiligten wichtig sind. Wenn du dich selbst mit in den Blick nimmst, stärkst du nicht nur dich, sondern deine ganze Familie.
Denn ihr seid drei (oder vier oder …) in dieser Familie – und ihr verdient es, dass es euch allen gutgeht.